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Vögele nimmt einen neuen Anlauf

2001 versprach die Charles Vögele Holding, die grösste Schweizer Detailhändlerin für Bekleidung, ihre Kleider zukünftig aus nachhaltiger Produktion zu beziehen. Durch die Zertifizierung mit der Sozialnorm SA 8000 sollten bei der Herstellung die Menschen- und Arbeitsrechte eingehalten werden. Seither hat sich bei Vögele einiges verändert. Das Unternehmen durchlief eine wirtschaftliche Krise, es gab Veränderungen in der Führung und in der Strategie. Das Projekt zur Einführung der Sozialnorm kam letztes Jahr praktisch zum Stillstand. Im Herbst 2003 besuchte ACTARES Vögele wieder, um zu erfahren, wie das Ziel sozialverträglicher Kleiderherstellung erreicht werden soll.

Vögele hält an der Zielsetzung sozialverträglicher Kleiderherstellung fest. Es ist dem Unternehmen allerdings bewusst geworden, dass das ursprüngliche gesetzte Ziel, 90% der Zulieferbetriebe bis Ende 2003 nach SA 8000 zu zertifizieren, nicht eingehalten werden kann. Der Aufwand wurde stark unterschätzt. Zu viele Lieferanten und zu häufige Wechsel standen einer Zertifizierung innert nützlicher Frist entgegen. Vögele ist zur Einsicht gelangt, dass mit einem systematischen, längerfristigen Prozess stabile Lieferantenbeziehungen aufgebaut werden müssen. Nur dann ist das Ziel einer sozialverträglichen Produktion erreichbar. In Indien sollen die SA-8000-Zertifizierungen weitergeführt werden, für die anderen Standorte wird neu ein anderes Vorgehen gewählt: Vögele hat sich der Business Social Compliance Initiative (BSCI) angeschlossen. Dies ist ein Projekt internationaler Einzelhandelsunternehmen, die gemeinsam die Audits ihrer Sozialstandards organisieren wollen. Damit sollen Mehrfach-Audits inhaltlich ähnlicher Firmenkodizes vermieden werden.

Zertifizierung in zwei Schritten

Die BSCI entstand unter dem Dach der europäischen Foreign Trade Association, einer Vereinigung europäischer Handelsunternehmen, die traditionell vor allem die Importinteressen der großen Einzelhandelskonzerne vertritt und sich für weltweiten freien Marktzugang einsetzt. Als Zielsetzung soll ein auf SA 8000 basierendes System entwickelt werden, das im Gegensatz zu SA 8000 eine Zertifizierung in zwei Schritten ermöglicht.

Die Praxis habe gezeigt, dass viele mittlere und kleinere Hersteller Mühe bekunden, eine SA-8000-Zertifizierung in einem Schritt zu realisieren, vor allem weil die von SA 8000 geforderten Managementsysteme hohe Kosten und zusätzliche Komplexität verursachen. Ein stufenweises Vorgehen ermögliche es dagegen, zunächst die Erfüllung der sozialen Mindeststandards sicherzustellen und die Realisierung der Managementsysteme in einer zweiten Phase umzusetzen. Damit können auch jene Hersteller eher und vor allem innerhalb kürzerer Frist für das Anliegen gewonnen werden, die ansonsten eine Zertifizierung ablehnen würden.

Umsetzung

Die Referenz für Vögele ist also nicht mehr zwingend der SA-8000-Standard, sondern der eigene Verhaltenskodex. Dieser wird gegenwärtig überarbeitet. Es ist deshalb noch offen, welche Bestimmungen er enthalten wird.

Die Berichterstattung über Soziales und Umwelt soll ab diesem Geschäftsjahr ein stärkeres Gewicht im Geschäftsbericht erhalten.

Beurteilung

Wir verstehen, dass in den unübersichtlichen Beschaffungsmärkten, in denen Vögele operiert, eine Umstellung zu sozialverträglicher und kontrollierter Produktion nicht von einem Jahr aufs andere geschehen kann, sind aber der Meinung, dass an diesem Ziel mit einem vernünftigen Zeithorizont festgehalten werden sollte. Wir begrüssen, dass Vögele in der Sozialpolitik erstmals eine systematische Planung in Angriff genommen hat, die klare Meilensteine enthält. Einzelne Ziele könnten jedoch ehrgeiziger sein.

ACTARES bedauert, dass Vögele vom ursprünglichen Gesamtziel abweicht, 100% der Produktion aus SA-8000-zertifizierten Zulieferbetrieben zu beziehen. Wir sind überzeugt, dass die Glaubwürdigkeit einer sozialverträglichen Beschaffungspolitik nur mit Hilfe eines Standards erreicht werden kann, der international bei allen Anspruchsgruppen abgestützt ist und in transparenter Weise verifiziert wird. Ob die Initiative der Foreign Trade Association zum erhofften Ziel führt, bleibt abzuwarten. Es sind darüber noch sehr wenige Einzelheiten bekannt. Die Aktion sollte aber auf keinen Fall unbequeme Aspekte von SA 8000 oder von weitergehenden Systemen wie dem der Clean Clothes Campaign ausklammern, sondern alle Punkte beinhalten, die als internationaler Konsens für soziale Mindeststandards gelten. Dazu gehört insbesondere die Verpflichtung zu den ILO-Konventionen zur Vereinigungsfreiheit und zum Recht auf Kollektivverhandlungen.

Sorge macht, dass die Beteiligung von Nichtregierungs- und Arbeitnehmerorganisationen bei der Bu-siness Social Compliance Initiative bisher sehr schwach ist. Damit könnte dem System am Schluss die Glaubwürdigkeit fehlen. Auch besteht die Gefahr, dass mit dem Schaffen ständig neuer Systeme die Umsetzung auf die lange Bank geschoben wird. Wir begrüssen hingegen, dass die Berichterstattung über Soziales und Umwelt ab diesem Geschäfts-jahr ein stärkeres Gewicht im Geschäftsbericht erhält, und hoffen auf substanzielle Informationen.