Unternehmensbeobachtung aus dem All
Satelliten machen Naturschäden durch Unternehmen sichtbar. Im Interview erklärt ein Experte, wie das geht.
Actares: Die Aktivität von Unternehmen beeinträchtigt die Natur. Sie beschäftigen sich als Forscher mit den finanziellen Risiken, die den Unternehmen dadurch entstehen. Wie unterscheiden sich Naturrisiken von Klimarisiken?
Jan-Alexander Posth: Das Klima ist ein globales System. So wird oft argumentiert, dass es keine Rolle spiele, wo Treibhausgase entstehen oder wo sie reduziert werden – was so natürlich nicht vollkommen richtig ist. Negative Auswirkungen auf die Natur und deren Minimierung oder Wiedergutmachung hingegen sind immer lokal. Es geht um Schäden in einem konkreten Ökosystem. Dies kann die Wasserqualität, die Gesundheit von Wäldern, die Artenvielfalt und vieles mehr betreffen.
Der Anteil eines Unternehmens an der Klimaerwärmung sind die Treibhausgasemissionen, die es verursacht. Wie bestimmt man seinen Anteil an Naturschäden?
Dafür müssen wir einzelne lokale Standorte von Unternehmen im Detail betrachten. Dies können etwa Fabriken, Minen oder Ölbohrungen sein. Für eine genaue Beurteilung der Situation an einem Standort braucht es eine Vielzahl von Daten. Einerseits Daten zur Art und Intensität der Geschäftstätigkeit, andererseits Daten zum umliegenden Ökosystem.
Für Ihre Forschung nutzen Sie Daten aus Satelliten, Flugzeugen oder Drohnen. Welche Vorteile hat diese sogenannte «Fernerkundung»?
Es gibt weltweit hunderttausende von Standorten für Produktion oder Rohstoffförderung. Bergbaustandorte zum Beispiel befinden sich oft in abgelegenen Gebieten, weitab von menschlichen Siedlungen oder Verkehrsachsen. Alle Ökosysteme im Umfeld dieser Standorte zu Fuss aufzusuchen und vor Ort Proben zu nehmen, ist unmöglich. Dank der Fernerkundung stehen heute enorme Mengen an Daten zu Ökosystemen zur Verfügung. Auf dieser Grundlage können wir an das Ökosystem im Umfeld etwa einer einzelnen Mine ranzoomen und Naturschäden identifizieren. Die Fernerkundung erlaubt es, den Radius des berücksichtigten Gebiets im Umkreis des Standorts zu variieren und so auch die räumliche Ausdehnung von Auswirkungen zu bestimmen.
Wie verknüpfen Sie Naturschäden mit Unternehmensaktivitäten?
Die Fernerkundungsdaten liefern uns Indikatoren für den Zustand des Wassers oder der Biodiversität in einem bestimmten Gebiet. Diese Indikatoren setzen wir in Beziehung zur Aktivität des Unternehmens. Dank historischen Daten können wir solche Zusammenhänge über eine längere Zeitspanne betrachten. Um das Ausmass der Auswirkungen zu bestimmen, fragen wir uns auch: Wie sähe dieses Ökosystem aus, wenn die Mine XY nicht existieren würde? Dazu vergleichen wir unter anderem den Zustand im Umfeld dieser Mine mit einem Gebiet, das weiter entfernt liegt, aber die gleichen ökologischen Charakteristiken aufweist.
Wie muss man sich Indikatoren für Naturschäden vorstellen?
Mithilfe von Satelliten können wir messen, wie Sonnenstrahlung von bestimmten Oberflächen reflektiert wird. Dabei beeinflussen die Eigenschaften und der Zustand der Oberflächen die am Satelliten gemessenen Signale. Land reflektiert anders als Wasser, gesunde Vegetation anders als kranke. Durch wiederkehrende Messungen können wir somit feststellen, ob sich beispielsweise die Fläche von Waldgebieten oder eines Gewässers ändert. Mit Satelliten können wir auch Informationen zur Wasserqualität ableiten, etwa durch die Wassertrübung oder das Auftreten von Algenblüten, was wiederum Rückschlüsse auf Verschmutzung oder Düngereintrag erlaubt. Veränderungen in Ökosystemen mit ihrer Vielzahl von Prozessen beeinflussen auch die Biodiversität und die Zusammensetzung bestimmter Tier- und Pflanzenarten. Ausgehend von Informationen über den Zustand naturnaher Ökosysteme können uns Satellitendaten helfen, Auswirkungen von Ökosystemeingriffen auf die Biodiversität abzuschätzen.
Wäre es nicht weniger aufwändig, wenn jedes Unternehmen selbst Daten erheben würde, zum Beispiel zur Qualität seines Abwassers?
Wenn die Daten zu naturbezogenen Risiken von den Unternehmen selbst kommen, wirft das viele methodologische Fragen auf: Sind diese Daten zuverlässig? Sind sie vollständig? Sind sie vergleichbar mit den Daten anderer Unternehmen? Durch die Fernerkundung erhalten wir objektive, faktische Daten. Sie können für Unternehmen weltweit auf die exakt gleiche Art erhoben und im jeweiligen lokalen Kontext interpretiert werden. Dies erlaubt uns, die Naturauswirkungen von beliebigen Unternehmen miteinander zu vergleichen.
Es geht Ihnen nicht nur darum, Naturschäden und Unternehmensaktivitäten zueinander in Beziehung zu setzen. Sie verstehen Naturschäden als Risiken für Unternehmen – inwiefern?
Naturschäden sind ein Geschäftsrisiko, weil sie zu Rechtsfällen oder verordneten Sanierungsmassnahmen führen können. Manche Wirtschaftssektoren sind auch direkt von der Natur abhängig, etwa die Landwirtschaft: Der Verlust von Insekten beispielsweise kann Kosten für künstliche Bestäubung nach sich ziehen, eine Beeinträchtigung des Wassereinzugsgebiets verteuert die Bewässerung.
Angenommen, Sie haben Naturschäden mit einem Unternehmensstandort verknüpft: Wie berechnen Sie die finanziellen Kosten, die dem Unternehmen entstehen könnten?
Das ist je nach Sektor unterschiedlich. Bei den vorher erwähnten Mehrkosten in der Landwirtschaft für künstliche Bestäubung oder Wasserzufuhr ist die Berechnung recht plausibel. Bei anderen Sektoren suchen wir nach Informationen in gut dokumentierten Kontexten und übertragen diese auf weniger gut dokumentierte Kontexte. Ein Beispiel: In Deutschland verlangt das Gesetz, dass Braunkohleminen nach der Schliessung renaturiert werden, was dazu führt, dass betroffene Unternehmen die diesbezüglichen Kosten explizit machen. Diese Zahlen dienen als Anhaltspunkt für Fälle in anderen Jurisdiktionen – wobei sich das konkrete finanzielle Risiko je nach Höhe der gesetzlichen Anforderungen und je nach Ökosystem verändert.
Für wen ist die Bezifferung der naturbezogenen Risiken von Interesse?
Einerseits für die Unternehmen selbst: Eine Bezifferung der Risiken ermöglicht eine bessere Kontrolle der Finanzen, etwa durch realistische Rückstellungen oder ein präziseres Risikomanagement für neue Standortprojekte. Andererseits ist der Ansatz interessant für Investoren: Sie können versteckte, vom Unternehmen nicht internalisierte Risiken identifizieren. Und sie können die Risiken einzelner Unternehmen auf Portfolio-Ebene zusammenführen ...
... weil alle Unternehmen nach der gleichen Methode bewertet werden.
Genau. Bei allen Unternehmen wird die gleiche Methodik für Fernerkundung, Indikatoren für Naturschäden und Bezifferung der Risiken angewendet. Um Aggregierungsfehler zu vermeiden, ist es dabei wichtig, dass die Übersetzung von Naturschäden in finanzielle Kosten zuunterst stattfindet, also auf Ebene einzelner Unternehmensstandorte und nicht erst auf Ebene Unternehmen.
Der hier vorgestellte Ansatz kann im Prinzip beliebig skaliert werden. Was sind die Hürden für eine flächendeckende Umsetzung?
Die grössten Herausforderungen sind nicht technischer, sondern gesellschaftlicher und politischer Art. Zum einen sind Eigentumsverhältnisse und Verantwortlichkeiten nicht immer geklärt oder verfügbar. Zum anderen müssen Unternehmen und Investoren davon überzeugt werden, das Ihre für den Schutz lokaler Ökosysteme zu tun. Wie schaffen wir beides? Ich glaube, es wird nicht ohne Druck von aussen gehen, und den können nur die politischen Rahmenbedingungen erzeugen.
Bis jetzt sprachen wir nur von Geschäftsrisiken für Unternehmen. Können wir Naturschäden darauf reduzieren?
Nein, und das ist ein wichtiger Punkt! Um eine Analogie zu benutzen: Wieso erregte der Louvre-Raub so viel Aufmerksamkeit? Nicht nur wegen des materiellen Werts der Schmuckstücke, sondern weil sie zusätzlich unermesslichen ideellen Wert haben. Dies gilt auch für Naturschäden: Das Ganze ist weit mehr als die Summe seiner Teile. Und selbst die physischen Auswirkungen können wir wegen nichtlinearer Rückkopplungseffekte nicht vollständig erfassen. Aber wenn wir in der Wirtschaft den Hebel ansetzen wollen, müssen wir Naturschäden in ihre Sprache übersetzen – und müssen von Kosten und Risiken für Unternehmen sprechen, in Dollar, Euro oder Schweizer Franken.
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Jan-Alexander Posth ist Professor für Asset Management an der ZHAW School of Management and Law, mit Forschungsschwerpunkten in den Bereichen GreenTech und KI im Finanzwesen. Davor hat er einen Doktortitel in theoretischer Physik erworben und über zwölf Jahre in der Finanzbranche gearbeitet. Die hier besprochene Forschung beruht unter anderem auf einem gemeinsamen Projekt von ZHAW und Universität Zürich. Wir danken Alexander Damm, Professor für Fernerkundung von Wassersystemen an der Universität Zürich, für die Validierung der Aussagen zu Indikatoren für Naturschäden.