Saison 2026

Actares verschärft ein Kriterium zu Interessenkonflikten und einige Unternehmen fallen beim Klimaschutz zurück.

Die gesellschaftliche Verantwortung der Pharmaindustrie ist der rote Faden im Dialog von Actares mit Novartis und Sandoz. In der aktuellen Generalversammlungssaison mahnte Actares Sandoz an seine Rolle als Grundversorger Europas mit kritischen Medikamenten. In dieser Rolle müsse das Unternehmen faire Lösungen bei Preisverhandlungen mit Behörden anstreben. Die Preissetzung für Medikamente war auch bei Novartis ein zentrales Thema. Actares kritisierte den Ansatz von Novartis als schwer nachvollziehbar. Das Unternehmen scheine sich den Wünschen der USA ohne Widerstand zu beugen, aber lasse es gegenüber den europäischen Behörden am nötigen Respekt mangeln. Könne es am Ende sein, fragte Actares, dass Europa mit seinen stabilen Gesundheitssystemen und der exzellenten Grundlagenforschung die Innovationen finanziert, während die USA vor allem hohe Vertriebskosten verursachen?

Die soziale Verantwortung von Unternehmen

Auch andere gesellschaftsrelevante Fragen gaben bei Novartis Anlass zu Kritik: zum einen das Salär des CEO von über 25 Millionen Franken. Actares erinnerte an den Unternehmensslogan «Reimagining medicine, together»: Wird diese Vison wirklich gelebt, wenn der CEO geschätzt 400-mal mehr verdient als die Mitarbeitenden mit den tiefsten Löhnen? Zum anderen wies Actares auf Lücken in der Berichterstattung zu Personalthemen hin: Die Daten zu geschlechtsspezifischen Lohnunterschieden berücksichtigen nur einen Sechstel der Mitarbeitenden und die Ergebnisse einer Umfrage zum Mitarbeiterengagement werden nicht veröffentlicht.

Bei Nestlé ist immer noch Licht und Schatten. Beim Klima erfüllt das Unternehmen mehrheitlich die Ansprüche von Actares. Gleichzeitig ist es weiterhin in verschiedene Skandale, Rechtsfälle oder unethische Praktiken verwickelt – vor allem bezüglich Lebensmittelsicherheit und des Umgangs mit Stakeholdern. Eine aktuelle Kontroverse, die Actares im Dialog mit Nestlé zum wiederholten Mal ansprechen musste, ist die Praxis des Unternehmens, Babynahrung in ärmeren Ländern mit mehr Zucker zu versetzen als in reicheren Ländern. Angesichts möglicher gesundheitlicher Konsequenzen zeigte sich Actares besorgt über diese Praxis und verlangte von Nestlé, überall auf der Welt Produkte mit weniger Zucker anzubieten.

Wechsel vom Bund zu Unternehmen: strengeres Kriterium

Auf Anfang 2026 verschärfte Actares sein Kriterium für potenzielle Interessenkonflikte von Verwaltungsratsmitgliedern. Es fordert nun für einen Wechsel von Bundesverwaltung, Bundesrat, einer kontrollierenden Instanz des Bundes oder der Schweizerischen Nationalbank (SNB) in den Verwaltungsrat eines börsen­kotierten Unternehmens eine Cooling-off-Periode von mindestens zwei Jahren. Das neu formulierte Kriterium kam zum ersten Mal bei der Neuwahl von Thomas Jordan in den Verwaltungsrat von Nestlé zur Anwendung. Actares lehnte die Wahl ab, weil seit seinem Rücktritt als Präsident der SNB noch keine zwei Jahre verstrichen waren. (Hingegen stimmte Actares seiner Wiederwahl in den Verwaltungsrat von Zurich Insurance Group zu, weil das verschärfte Kriterium zum Zeitpunkt seiner Neuwahl 2025 noch nicht bestand.)

Die Präsentation der nicht­finanziellen Berichterstattung hat sich bei einigen (wenn auch nicht allen) Unternehmen verbessert. Viele erstellen jetzt integrierte Jahresberichte, die alle relevanten Informationen zu finanziellen und nichtfinanziellen Themen an einem Ort versammeln. Es kommt immer seltener vor, dass der nichtfinanzielle Bericht auf die Website verweist, die wiederum auf einen weiteren Bericht verweist usw. – so dass die Informationen aus verschiedenen Quellen zusammengesucht werden müssen. Die konsolidierte Berichterstattung ist ein Fortschritt in der Offenlegungspraxis, auch wenn dies alleine noch nicht die Substanz der
Berichterstattung oder die Nachhaltigkeitsperformance verbessert. Dies zeigt sich darin, dass Actares in der abgelaufenen Saison die nichtfinanziellen Berichte von 13 der 20 Unternehmen im Swiss Market Index (SMI) zurückwies. Actares erwartet, dass der nichtfinanzielle Bericht – in Analogie zum Jahresbericht – immer einer bindenden Abstimmung unterworfen werde. In der vergangenen Saison war dies nur bei neun von 20 Unternehmen der Fall.

Ende des Say on Climate?

Mit dem Trend zur integrierten Bericht­erstattung werden wohl auch separate Abstimmungen zum Klimabericht («Say on Climate») verschwinden. Holcim führte bisher, als einziges Unternehmen, jährlich eine solche Abstimmung durch. Nun wird auch bei Holcim über den Klima­bericht nur noch als Teil des nichtfinanziellen Berichts abgestimmt, immerhin verbindlich statt wie bisher konsultativ. Die Actares-Analyse der Klimaberichte von SMI-Unternehmen zeigt ein un­verändertes Gesamtbild im Vergleich zu den Vorjahren: Im Detail gab es zwar gewisse Verschiebungen, insgesamt ist aber immer noch die Hälfte der Klima­strategien ungenügend betreffend ihrer Glaubwürdigkeit oder der Netto-Null-Ambition.

Holcim, einer der grössten Emittenten unter den Schweizer Unternehmen, ist beim Klimaschutz auf Kurs. Allerdings beruht die Strategie von Holcim zu einem wesentlichen Teil auf der Wette, dass sich der Einsatz von CO2-Abscheidung und -Speicherung praktisch unbeschränkt skalieren lässt. Zurzeit testet das Unternehmen die Technologie in verschiedenen Projekten und ist überzeugt, sie ab 2030 im gros­sen Umfang einsetzen zu können. Actares wird die Umsetzung dieser Strategie kritisch verfolgen.

Nach der Abspaltung des Nordamerikageschäfts unter dem Namen Amrize hat Holcim die Emissionen neu berechnet und die Reduktionsziele angepasst. Amrize hätte analog dazu das Gleiche tun können. Stattdessen ist die Emissionsberichterstattung nach ­einem Jahr Selbstständigkeit unvollständig und es gibt keine unternehmensspezifischen Ziele. Das ist für einen Spin-off von Holcim eine Enttäuschung.

Die Finanzbranche fällt beim Klimaschutz zurück

Stillstand oder gar Rückschritte bezüglich Klimaschutz gibt es in der Finanzbranche zu beklagen. Die Versicherer Swiss Re und Zurich hatten lange versprochen, ihre Emissionsreduktionsziele extern validieren zu lassen, sobald ein branchenspezifischer Standard vorhanden sei. Nach der Publikation eines solchen Standards durch die Science Based Targets Initiative (SBTi) rückten jedoch beide Unternehmen von dieser Selbstverpflichtung ab, ohne Angabe von Gründen. Damit verlieren ihre Reduktionsziele an Glaubwürdigkeit, was umso schwerer wiegt, als bei beiden Unternehmen Lücken bestehen, sei es bei der ­Offenlegung von Emissionen, den Reduktionszielen oder den Ausschlusskriterien für fossile Energien.

Noch schlechter steht es bei UBS um den Klimaschutz: Ein Netto-Null-Ziel, das alle Geschäftstätigkeiten umfasst, oder eine externe Validierung der Ziele standen bis jetzt überhaupt nicht zur Diskussion. Ausserdem zog die Bank sich aus der Net-Zero Banking Alliance (NZBA) zurück, verschob das Netto-Null-Ziel für betriebliche Emissionen von 2025 auf 2035 und verwässerte das Klimaziel fürs Asset Management.

Diesen Rückschritten zum Trotz gibt es auch Positives zu vermelden: Das Logistikunternehmen Kühne + Nagel hat neu ein extern validiertes Netto-Null-Ziel. 99 Prozent der Emissionen des Unternehmens entstehen bei ausgelagerten Transportdienstleistungen zu Luft, zu Wasser und zu Land. Weil diese nicht unter der direkten Kontrolle von Kühne + Nagel stehen und von technologischen Durchbrüchen (zum Beispiel alternativen Treibstoffen) abhängen, ist dieses Netto-Null-Ziel sehr ehrgeizig – und somit genau das, was Actares von führenden Unternehmen erwartet.