Aktuell

Votum von Actares an der GV von LafargeHolcim

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren,

Sie erinnern sich: Actares machte wiederholt auf einen verschleppten Arbeitskonflikt im Werk ACC Jamul in Indien aufmerksam. Es hat sich schliesslich gelohnt, Jahr für Jahr auf eine Lösung zu drängen. Im Januar dieses Jahres konnte der jahrzehntelange Konflikt endlich gütlich gelöst werden. Was Actares verlangte und was eigentlich schon lange auf der Hand lag: um den Konflikt ein für alle Mal zu lösen, brauchte es: Bereitschaft zum Dialog, etwas Geld und, ganz wichtig, das lokale Management musste vom hohen Ross herunterkommen.

Meine Damen und Herren, es ging dabei um einen sehr ungleichen Konflikt zwischen rechtlosen, miserabel bezahlten Leiharbeitern, die jeden Tag um ihren Job fürchten müssen, deren Familien nach einer Entlassung nicht wissen, was sie morgen essen sollen und einem Weltkonzern wie Holcim (bis vor kurzem hiess er noch so), der alle Karten in der Hand und sicher den längeren Schnauf hat.

Die endlich erzielte Lösung ist soweit gut, aber wir wissen nicht ob wir das Unternehmen allzu sehr loben können. Ohne Druck von aussen wäre noch länger nichts geschehen. Zu lange gab es hier im Gespräch und an der GV allerlei seltsame Ausflüchte und Ausreden. Zum Gespräch kamen meist Leute der Kommunikations- und der Investor Relations-Abteilung statt der für Indien zuständigen Personen. Zu lange gab es in Indien Drohungen und Gewalt. Und vor allem viel zu lange war die Kommunikation von Holcim katastrophal: abstreiten, ablenken und abwiegeln, statt zugeben, dass ein Problem existiert, erklären, dass man Lösungen sucht und welche Fortschritte schon erzielt wurden. Das ist die Art und Weise, wie wir uns einen Dialog vorstellen. Die Strategie des Aussitzens und Verzögerns, sowohl hier wie dort, ist gar kein Ruhmesblatt. Der Konflikt hat so lange gedauert, dass die ersten Betroffenen unterdessen schon im Pensionsalter sind.

Herr Präsident, meine Damen und Herren, wir verstehen das nicht, für Investoren ist es doch von grosser Bedeutung, ob eine Unternehmensführung fähig ist, Probleme innert nützlicher Zeit zu lösen. Wenn das noch auf eine anständige Art geschieht, umso besser. Und dem Aktionariat kann es doch nicht egal sein, wie seine Dividenden zustande kommen! Oder?

Neueste Informationen aus Indien besagen allerdings, dass es bei der Umsetzung der Einigung hapert. Der alte Geist scheint noch nicht ganz ausgerottet zu sein. Die Entlassenen haben zwar ihre zugesagten Entschädigungen erhalten. Die weiter Beschäftigten warten jedoch seit drei Monaten auf die in der Einigung festgelegten Löhne. Für Leute, die den grösstenTeil ihres Einkommens für Nahrung ausgeben müssen, eine Katastrophe.

Zudem hören wir, dass in anderen Werken von LafargeHolcim in Indien, zum Beispiel in Ambuja, die gleiche Probleme weiter bestehen, die eben in Jamul gelöst wurden. Seltsam daran ist, dass Ambuja Mehrheitsaktionär von ACC Jamul ist. Braucht es jetzt wieder Jahre bis zu einer Lösung? Ich hoffe nicht.

Zweitens: Im Geschäftsbericht 2015 fehlen zwei wichtige Themen: ein Bericht über die Fusion und deren Folgen sowie der Nachhaltigkeitsbericht. Zur Fusion gibt es nur einige Angaben zu angestrebten Synergien. Gibt es gar keinen Bericht dazu? Ist sie eventuell doch nicht so erfolgreich wie dargestellt? Viele zweifeln daran. Man müsste in einem solchen Bericht Angaben zu den Arbeitnehmenden nachlesen können.

Die Beschäftigten eines Unternehmens sind doch das Wichtigste am Ganzen, noch vor den Zahlen. Ihr Vertrauen in das Unternehmen, die Sicherheit, dass sie fair behandelt und nicht einfach nur herumgeschoben oder mit ganzen Unternehmensteilen verkauft werden, wie ein weiterer Rohstoff, ist für den Erfolg viel aus-schlaggebender als jeder Bonus! DARÜBER müssen Sie berichten. Also nicht nur, wie Sie mit dem Personal umgehen wollen, sondern auch, wie es tatsächlich geschah.

Z.B. wie viele wurden entlassen, zu welchen Bedingungen? Es wäre auch interessant zu wissen, wie viele mit ganzen Unternehmensteilen verkauft wurden, an wen und zu welchen Bedingungen. Wie wurden die ausgehandelten Bedingungen nach dem Verkauf kontrolliert? Welches sind die Erkenntnisse? Im Jahresbericht wird ein „fürsorglicher und respektvoller Umgang“ als Ziel genannt. Ob dieses erfüllt wurde ist nicht nachprüfbar. Auch im Kapitel „Mitarbeitende“ ist dazu nichts zu lesen. Herr Präsident: all die schönen Worte und Werte, auch wenn sie vom ersten Tag an gelten, wie Sie sagten, sind nichts wert, wenn sie nicht nachgeprüft werden können.

Drittens: Ein aktueller Nachhaltigkeitsbericht (bei LafargeHolcim Sustainable Development Report genannt) fehlt ganz. Der neueste verfügbare Bericht betrifft 2014, ist also schon fast eineinhalb Jahre alt und bezieht sich noch auf die alte Holcim. Ein Bericht von gestern! Einzige verfügbare neuere Information sind knapp 10 Seiten im Jahresbericht. Dort stehen aber vor allem Absichtserklärungen, die nicht geeignet sind, sich ein Bild von der Realität zu machen. Die Information, dass im laufenden Jahr noch ein solcher Bericht erscheinen soll, fehlt ganz.

Meine Damen und Herren, Herr Präsident, JETZT ist der Moment, wo über die Tätigkeit des letzten Jahres gesprochen werden soll. Wenn dafür wichtige Informationen fehlen, dann nehmen Sie das Aktionariat nicht ernst.

Verschiedenen Indizien weisen darauf hin, dass der Nachhaltigkeitsbericht bei LafargeHolcim einen geringeren Stellen-wert hat als der Jahresbericht: Er erscheint (vielleicht) erst zwei bis drei Monate verspätet, es gibt ihn, im Gegensatz zum Jahresbericht, nicht auf Deutsch und nicht (mehr) in gedruckter Version. Beim Jahresbericht würden Sie sich das nicht getrauen. Gemäss allgemein anerkannter Best Practice ist der Nachhaltigkeitsbericht integraler Teil der Berichterstattung, also des Jahresberichts und muss rechtzeitig vor der GV vorliegen.

Und zum Schluss die Fragen von Actares, die eigentlich am besten vom zukünftigen Präsidenten Beat Hess beantwortet werden müssten:

Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

(Votant: Rudolf Meyer, Präsident von Actares)