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Peter Brabeck-Letmathe, Hans-Ulrich Doerig: Zwei prominente Stimmen zum Jubiläum

Zwei spannende Diskussionsabende – mit Peter Brabeck-Letmathe am 16. November an der Universität Lausanne und mit Hans-Ulrich Doerig am 18. November an der ZHAW in Winterthur – krönten das 10-Jahr-Jubiläum von ACTARES. Eine Bilanz zweier Dialoge, verschieden im Stil, aber beide von grossem Interesse.

Gespräch mit Peter Brabeck-Letmathe

Ihn vorzustellen, erübrigt sich: Peter Brabeck-Letmathe, ehemaliger CEO und heutiger Verwaltungsratspräsident von Nestlé, hat sich bereit erklärt, aus Anlass des ACTARES-Jubiläums unseren Mitgliedern Rede und Antwort zu stehen (siehe Seite 4). Hier ein Auszug:

ACTARES: Sie behaupten, in Flaschen abgefülltes Wasser sei unproblematisch, sagen aber gleichzeitig eine Wasserknappheit voraus. Sie sprechen dabei von einem sozialen Gut – und nicht von einem Menschenrecht –, von einem Umweltgut und schliesslich von einem wirtschaftlichen Gut.

Peter Brabeck-Lethmathe: Das von Nestlé abgefüllte Wasser macht lediglich 0,0009% des von der Menschheit genutzten Süsswassers aus. Das ist verschwindend wenig. Ich bekräftige: Rund 30 Liter Trinkwasser pro Tag sind ein Menschenrecht. Aber bereits 2030 wird die Wasserknappheit akut sein. Das Ziel, 20% des Erdölverbrauchs durch Agrotreibstoffe zu ersetzen, setzt eine Verdreifachung der weltweiten Agrarproduktion voraus. Ich teile die Devise «no food for fuel» – keine Treibstoffe aus Nahrungsmitteln.

Multinationale Unternehmen haben zuweilen mehr Macht als staatliche Behörden. Welches sind die ethischen, moralischen und politischen Grenzen Ihrer Unternehmenstätigkeit?

Es ist schwierig, den goldenen Mittelweg zwischen Paternalismus des 19. Jahrhunderts und wildem Kapitalismus zu finden. Ich anerkenne ohne Wenn und Aber, dass ein Unternehmen seine Verantwortung wahrnehmen muss. Hingegen bestreite ich, dass ein Unternehmen automatisch der Gesellschaft etwas schuldet, ihr etwas zurückgeben muss. Ein Unternehmen hat keine philanthropische Mission. Aus dieser Überlegung heraus hat sich Nestlé dem Konzept der gemeinsamen Wertschöpfung verschrieben. Es handelt sich dabei nicht um das einzige mögliche Modell, aber um jenes, das unserer Philosophie entspricht.

Sowohl die Unternehmensgrundsätze als auch die grundlegenden Management- und Führungsprinzipien von Nestlé sind öffentlich zugänglich, und ich lade jede NGO ein, uns allfällige Verstösse dagegen zu melden.

Wird sich Nestlé bei der Erforschung der medizinischen Eigenschaften von Pflanzen wie Rooibos und Honeybush, die aus Südafrika stammen, an die Grundsätze der Biodiversitätskonvention halten?

Zu dieser Frage halte ich ganz klar fest: Nestlé anerkennt die Konvention. Wir stehen in Kontakt mit den südafrikanischen Behörden und sind fest entschlossen, die geltenden Bestimmungen einzuhalten.

Gespräch mit Hans-Ulrich Doerig

Seit 2009 ist Hans-Ulrich Doerig Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse Group. CS-Bankier von der Pike auf, amtet er daneben auch als Vize-Präsident des Universitätsrats der Universität Zürich. An der ACTARES-Jubiläumsveranstaltung (siehe Seite 4) konnten Mitglieder und Gäste dem CS-Präsidenten Fragen stellen. Auszüge aus dem Gespräch.

_ACTARES: Globale Unternehmen haben heute teilweise mehr Macht als gewisse Staaten. Welche Schranken dieser Macht bestehen für Ihr Unternehmen, sei es aus ethischer, moralischer oder politischer Sicht?

Hans-Ulrich Doerig: Diese Schranken sind mannigfaltig: Es gibt die Bankenregulierung, die Aufsichtsbehörden, die Konkurrenz oder die Ansprüche des Aktionariats, der Kundinnen und Kunden, der Mitarbeitenden, aber auch von NGOs und Medien. Hier bin ich gewissermassen ein Balance-Akteur, um die vielen Interessen in ein Gleichgewicht zu bringen. Zudem setzen wir uns selbst auch noch Schranken; so hat sich die CS vor Jahren und als erste Bank weltweit einen internen, verbindlichen Verhaltenskodex auferlegt.

Trotzdem fragt man sich, wie Schweizer Bankiers besser aus Krisen lernen und rechtzeitig Reputationsrisiken erkennen können.

Überall können Fehler gemacht werden. Entscheidend ist, dass Prozesse vorhanden sind, um Fehler möglichst zu vermeiden oder die richtigen Lehren zu ziehen, wenn sie passiert sind. Bei der CS haben wir ein spezielles Risikoprüfungsverfahren, wenn sensitive Bereiche wie z.B. Menschenrechte oder die Umwelt tangiert werden könnten. Allein in diesem Prüfungsprozess wurden letztes Jahr 8% der Projekte abgelehnt, doch die tatsächliche Zahl ist um einiges höher, da viele bereits im Vorfeld des eigentlichen Prüfungsverfahrens verworfen werden.

Die CS ist CO2-neutral. Wie sieht es aber mit ihren Investitionen aus?

Wir gehören zu den weltweit bedeutendsten Finanzakteuren für die Alternativenergie-Branche. Bezüglich sensitiver Bergbau-Projekte finanzieren wir konsequent keinen Kohleabbau durch sogenanntes Mountain Top Removal, und bei Unternehmen, die u.a. auch Ölsand fördern, sind wir nur marginal engagiert. In der Realität des Geschäftsalltags ist ein sofortiger Rückzug nicht immer möglich. Wir können Kunden nicht von heute auf morgen die Türe vor der Nase zuschlagen; es geht um unsere Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in unsere Bank. Deshalb ist ein schrittweiser Ausstieg oft zielführender.

Thema Gleichstellung: Was ist aus dem CS-internen Förderprogramm «Taten statt Worte» von 1986 geworden?

Das Thema hat bei uns nach wie vor hohe Priorität. Der Frauenanteil bei der CS beträgt heute 37% insgesamt und im Kader 15%. Wir haben Förderprogramme etabliert, Frauen und Männer haben bei der CS die gleichen Chancen. Wir wollen die besten Leute, egal ob Mann oder Frau. Deshalb bin ich auch gegen starre Quoten, damit ist niemanden gedient. Aber ich gebe zu, dass wir noch nicht dort sind, wo wir sein wollen.