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Interview: Elisabeth Bosshart

Elisabeth Bosshart ist Gründerin und Inhaberin einer Beratungsfirma im Bereich Qualitäts-, Risiko- und Prozessmanagement und Vizepräsidentin des Stiftungsrates einer Pensionskasse. Seit Juni 2015 ist sie Präsidentin von Business and Professional Women (BPW) Schweiz, dem weltweit bedeutendsten Verband berufstätiger Frauen.

BPW setzt sich für Gleichstellung von Frauen und Männern auf Kaderstufe ein. Wie sieht in dieser Hinsicht die aktuelle Situation in der Schweiz aus?
Etwas mehr als die Hälfte der Schweizer Bevölkerung ist weiblich. Bei den Universitätsabschlüssen haben die Frauen die Männer zahlenmässig überrundet (1). In den Geschäftsleitungen der 100 grössten Schweizer Unternehmen sind Frauen jedoch nur mit 6 Prozent, in den Verwaltungsräten mit 13 Prozent vertreten (2). Das bedeutet, Frauen und ihre Interessen sind nicht ihrem Anteil in der Bevölkerung und ihrer Ausbildung entsprechend vertreten und haben nicht den entsprechenden Einfluss in der Wirtschaft. Und das, obwohl Frauen 80 Prozent der Konsumentscheide (3) treffen.

Bei welchen Möglichkeiten zur Frauenförderung sehen Sie Potential und wieso?
Eigentlich bräuchten wir gar keine Frauenförderung. Frauen sind nicht schlechter qualifiziert und nicht weniger geeignet für Führungspositionen als Männer. Tatsache ist, dass Jungen und Mädchen auch heute noch unterschiedlich erzogen werden. Bei Mädchen wird in der Erziehung viel mehr Wert auf ihre Sozialkompetenzen gelegt, Jungen werden eher wettbewerbsorientiert erzogen. Beides braucht es in einem erfolgreichen Unternehmen. Tatsache ist auch, dass aufgrund dieser zugeschriebenen Rollenmuster gleiches Verhalten bei Frauen und Männern nicht gleich bewertet wird. Es braucht also keine Fördermassnahmen, sondern «nur» eine faire Bewertung und faire Chancen. Allerdings brauchen wir Massnahmen im Bereich Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf gesellschaftlicher und auf innerbetrieblicher Ebene – ein Thema, das nicht nur Frauen betrifft.

Welche Haltung nimmt BPW gegenüber der Einführung einer Frauenquote ein und wieso?
BPW fordert eine Frauenquote, weil das Prinzip der Freiwilligkeit ganz offensichtlich nicht funktioniert. Es werden immer wieder dieselben drei Argumente angeführt, warum es noch nicht mehr Frauen in den Führungsgremien gibt.
«Man findet keine Frauen.» Das mag sein, es könnte aber auch damit zusammenhängen, dass Mann am falschen Ort sucht: innerhalb der bestehenden Netzwerke, seien es Branchenverbände, Service-Clubs oder der Golfplatz. Dort sind Frauen tatsächlich nur in geringer Zahl vertreten.
«Es gibt zu wenig Frauen in technischen Berufen.» Das stimmt, aber auch in technisch orientierten Firmen sitzen überwiegend Juristen und Betriebswirte in den Verwaltungsräten.
«Die Frauen wollen nicht.» Tatsächlich lehnt hin und wieder eine Frau ein Mandat ab. Das tun übrigens auch Männer. Für Frauen kommen zwei Ablehnungsgründe hinzu, die für Männer in der Regel keine Rolle spielen: Frauen beziehen nebst ihren beruflichen Verpflichtungen auch ihre familiären Verpflichtungen in den Entscheid mit ein, und beurteilen ihre Fähigkeiten und Kompetenzen sehr viel selbstkritischer als Männer dies üblicherweise tun.

Actares gibt bei der Wahl der Verwaltungsräte in SMI-Unternehmen Abstimmungsempfehlungen ab, welche die Erhöhung der Frauenvertretung zum Ziel haben. Wie stufen Sie solche Massnahmen ein?
Es müssten noch viel mehr Aktionärinnen und Aktionäre die Erhöhung des Frauenanteils fordern und auch tatsächlich so abstimmen. Nur so besteht für die Unternehmen überhaupt ein ernstzunehmender Anreiz, sich um qualifizierte Kandidatinnen zu bemühen.

Business & Professional Women

(1) Bundesamt für Statistik, Bildungsstatistik 2014
(2) Schilling-Report 2014