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Votum von Actares an der Zurich-GV 2019

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren

Mein Name ist Hans Ruh. Ich war vor meiner Pensionierung an der Universität Zürich als Sozial- und Wirtschaftsethiker tätig. Ich spreche für Actares - Aktionärinnen und Aktionäre für nachhaltiges Wirtschaften. Actares erarbeitet für seine Mitglieder Abstimmungsempfehlungen und vertritt deren Stimmrechte an den Generalversammlungen, z.B. wie heute bei der Zurich. Mitglieder der Arbeitsgruppe Versicherungen von Actares hatten Mitte Januar die Gelegenheit, an einem Treffen mit Vertretern von Zurich den direkten Dialog zu pflegen. Vielen Dank für die uns gewährte Zeit. Wir schätzen das positive Engagement unserer Gesprächspartner in vielen für Actares relevanten Themen.

In einigen Dimensionen der unternehmerischen Verantwortung und Nachhaltigkeit gebührt Zurich unsere Anerkennung für das bereits Erreichte. Etwas mehr als die Hälfte aller Mitarbeitenden der Gruppe sind in Einheiten beschäftigt, die in Bezug auf die Geschlechtergleichstellung EDGE-zertifiziert sind; drei von zwölf zertifizierten Einheiten haben sogar bereits die zweite von drei Stufen erreicht.

Für Ärgernis bei vielen hart arbeitenden Leuten sorgen die weiterhin sehr hohen Cheflöhne - sogar die NZZ hat das heute kommentiert und dabei zu einem Vergleich aus dem Tierreich gegriffen.

Nun zu unseren Hauptanliegen:

Der Planet Erde ist dabei, so Schaden zu nehmen, dass das Leben der Menschen zuerst ungemütlich und dann unmöglich wird, manche sagen schon Ende dieses Jahrhunderts. Im Alten Testament waren es die Unheilspropheten, welche laut ausgerufen haben. Ein Stück weit wäre es angemessen, dass Institutionen, die zuvorderst diesen Schaden wahrnehmen und beurteilen, dass solche Institutionen in die Rolle der Propheten schlüpfen und die Alarmglocke ziehen. Ich habe beim Lesen des Jahresberichts zwar die grosse und vielseitige Kompetenz der Zurich bewundert, aber nichts von dieser Alarmglocke gefunden. Ja, es hat mich etwas beunruhigt, dass der ganze Bericht ziemlich unaufgeregt und “business as usual” daher kommt. Zwar kommen die Themen Kohle und Klima kurz vor, aber der Schaden wird weiterhin rundum angerichtet: Klima, Biodiversität, Rohstoffe, Böden, Landwirtschaft - Schadenpotenziale, so weit das Auge reicht.

Wäre es nicht angemessen, dass die Zurich eine Vordenkerrolle in der ökologischen Schadensdebatte übernimmt? Der Begriff Vordenkerposition kommt auf S.33 im Jahresbericht vor, aber in anderen Zusammenhängen. Vordenkerposition könnte heissen: mehr ökologische Kompetenz im Verwaltungsrat, Aufbau eines internen Kompetenzzentrums, Lancierung eines ökologischen Flaggschiffs oder Leuchtturms, quantifizierte Ziele und deren Kontrolle, mehr Investitionen in ökologische Bereiche. Und wenn man zum Schluss kommen müsste, dass das Wirtschaftssystem mit seinem Wachstumszwang notwendigerweise den Planeten schädigen muss, darf ein Vordenker auch über alternative Systeme nachdenken …!

Nun zu einigen konkreten Überlegungen: Die Investitionen der Zurich in Green Bonds und Social Bonds sind erfreulich gewachsen auf 3,8 Mia Fr. Als Ziel sind 5 Mia Fr. formuliert. Gemessen am ganzen Anlagevolumen von knapp 200 Mia Fr. ist das Ziel also 2,5%. Im Impact Investing wurden bereits mehr als die Hälfte der formulierten Ziele er-reicht und Zurich konnte kürzlich über einen innovativen Ansatz berichten, wie die Auswirkungen die-ser Anlagen auf die Umwelt erstmals gemessen wurden. Die aktuelle Zielgrösse für die Impact Investments verharrt allerdings im tiefen einstelligen Prozentbereich der gesamten Anlagen. Könnte bzw. sollte Zurich hier nicht ehrgeiziger sein?

Politik bezüglich Kohle: Actares begrüsst sehr, dass Zurich gegenüber Kohleförderung eine klare Position bezieht. Einerseits zieht sich Zurich aus Anlagen in Kohleminen und Kohlekraftwerke zurück, anderseits wird der Zugang zu Versicherungen eingeschränkt. Auch aus Sicht der Anleger ist das sehr vernünftig, drohen bei fossilen Energien doch immer grössere Risiken. Risiken, die sich auch in einem Wertzerfall der Anlagen auswirken können. Leider lässt Zurich ein grosses Schlupfloch offen, indem Unternehmen, die weniger als 50% ihres Umsatzes mit Kohle oder Kohlestrom erzielen, weiterhin versichert werden. Grosse Rohstoffkonzerne wie Glencore sind von dieser Schwelle nicht betroffen, obwohl gerade sie sehr viel Kohle fördern. Auch grosse Energiekonzerne wie RWE können ihren Strom aus Braunkohle mit Ökostrom mischen, so dass sie locker unter diese Schwelle fallen. Um den Umstieg von Kohle auf erneuerbare Energien wirklich zu beeinflussen, braucht es unserer Ansicht nach zusätzlich zur Prozentschwelle eine quantitative Obergrenze für die Beurteilung. Eine Begrenzung auf eine Fördermenge von 20 Millionen Tonnen Kohle oder 10 Gigawatt Kohlestrom würde die bestehende Prozentklausel wirkungsvoll ergänzen.

Verwaltungsratspräsident Michel Liès schreibt in seinem Brief an die Aktionäre im Bericht zur Geschäftsentwicklung 2018 vom Ziel des Unternehmens, in Bezug auf Nachhaltigkeit führend zu sein. In den Sustainability Highlights setzt auch CEO Mario Greco die Latte längerfristig hoch an. Er schreibt, Zurich wolle als eines der verantwortungsvollsten und in Bezug auf Nachhaltigkeit wirkungsvollsten Unternehmen der Welt anerkannt werden. Das sind lobenswerte Ziele, die wir sehr unterstützen. Folgen den schönen Worten aber auch entsprechende Taten? Die Ländereinheit Zurich Schweiz hat in den vergangenen Jahren wertvolle Arbeit zum Klimathema geleistet, unter anderem mit dem Naturgefahrenradar und dem Zurich Klimapreis. Leider wird der Klimapreis aber nicht mehr weitergeführt und die Ressourcen für den Bereich Corporate Responsibility wurden stark gekürzt. Da wird mit Sicherheit am falschen Ort gespart!

Zum Schluss die Fragen von Actares: Sehr geehrter Herr Präsident

  • Welche konkreten und messbaren Ziele haben Sie als neuer Verwaltungsratspräsident Ihrem CEO und der Konzernleitung in Bezug auf Nachhaltigkeit vorgegeben bzw. vereinbart? Sind diese Ziele auch bonusrelevant?
  • Sind Sie bereit, die Politik gegenüber Kohle griffiger zu gestalten und zusätzlich zum Prozentziel ein Mengenziel einzuführen?
  • Welche Zielgrösse für Impact Investing in Prozent der angelegten Gelder können Sie sich vorstellen?
  • Können wir auf Ihre Unterstützung zählen und darauf hoffen, dass Zurich Schweiz auf ihren Entscheid zurückkommen und den erfolgreichen Zurich Klimapreis wieder aufleben lassen wird?
  • Könnte der Jahresbericht der Z Zurich Foundation in Zukunft zeitgleich mit dem Geschäftsbericht und den Sustainability Highlights publiziert werden?

Actares würde sich freuen, diese Themen, die hier nur kurz angedeutet werden können, anlässlich eines nächsten Dialog-Meetings weiter zu diskutieren.

Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Votant: Hans Ruh, Sozialethiker)