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Frauenanteil in Verwaltungsräten stagniert, trotz positiver Trends

Der Frauenanteil in den Verwaltungsräten von Unternehmen in Swiss Market Index stagniert bei knapp einem Viertel – und dies obwohl Frauen gleich häufig zu Neuwahlen vorgeschlagen wurden. Actares, Aktionariat für eine verantwortungsvolle Wirtschaft, fordert eine radikalere Besetzungspolitik.

Actares, Aktionariat für eine verantwortungsvolle Wirtschaft, hat die Verwaltungsräte aller Unternehmen im Swiss Market Index (SMI) auf ihre Geschlechterparität hin untersucht. Dazu analysierte Actares, wie viele Frauen die SMI-Unternehmen im Jahr 2018 zu Wieder- oder Neuwahl vorschlugen. An diesen Vorschlägen lässt sich ablesen, ob die Unternehmen gewillt sind, den Frauenanteil in ihren Verwaltungsräten zu erhöhen. [Endnote_1]

Als Richtschnur diente das Prinzip “30% plus 3”, das heisst: Mindestens 30% Prozent Frauenanteil sowie mindestens drei Frauen. Die Abstimmungskriterien von Actares fordern, dass jedes Geschlecht zu mindestens 30% vertreten sein soll – dies weil eine 50/50-Parität zwar wünschenswert ist, Schwankungen von bis zu 20% bei kleinen Gremien aber nicht immer zu vermeiden sind. Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass es mindestens drei Frauen in einem Verwaltungsrat braucht, damit diese nicht als Frauen, sondern einfach als Verwaltungsrätinnen wahrgenommen werden. [Endnote_2]

Im Jahr 2018 stellten sich an ordentlichen Generalversammlungen 213 Personen zur Wahl, gleich viele wie im Vorjahr. (Actelion und Syngenta, die im Laufe des Jahres 2017 aus dem SMI ausschieden, werden hier ausgeklammert.) Die erfreulichste Zahl zuerst: Bei Wahlvorschlägen für vakante Verwaltungsratssitze machten Frauen 50% aus (11 von 22 Vorschlägen). Nach einzelnen Unternehmen aufgeschlüsselt, zeigt sich folgendes Bild:

  • Den grössten Willen zur Feminisierung ihrer Verwaltungsräte zeigten ABB, Adecco, Richemont, Swiss Re und Swisscom – dort wurden mehrheitlich oder nur Frauen zur Neuwahl vorgeschlagen.
  • Bei Credit Suisse, Lonza und Zurich wurden gleich viele Frauen wie Männer zur Neuwahl vorgeschlagen.
  • Bei Julius Bär, Nestle, Swiss Life und UBS schliesslich wurden weniger Frauen als Männer oder gar keine Frauen zur Neuwahl vorgeschlagen.
  • Bei den Unternehmen Geberit, Givaudan, LafargeHolcim, Novartis, Roche, SGS, Sika und Swatch Group gab es 2018 keine Neuwahlen.

In Bezug auf die oben genannten Kriterien von Actares ist eine leichte Verbesserung zum Vorjahr zu konstatieren:

  • 8 Unternehmen schlugen zu mindestens 30% Frauen zur Wahl vor (2017 waren es 7 Unternehmen): Adecco, Givaudan, Lonza, Nestlé, Swatch Group, Swisscom, UBS und Zurich.
  • 11 Unternehmen schlugen mindestens 3 Frauen zur Wahl vor (2017 waren es 9 Unternehmen): Adecco, Credit Suisse, Lonza, Nestlé, Novartis, Richemont, Roche, Swiss Re, Swisscom, UBS und Zurich.

Eine Analyse der Wahlvorschläge insgesamt (amtierende und neue Verwaltungsräte) zeigt trotzdem nur eine sehr geringe Veränderung hin zu mehr Frauen:

  • Der Frauenanteil insgesamt stieg bloss von 23% auf 24%.
  • Nahe an der Parität sind nur Swissom (4 Frauen für 9 Sitze) und Zurich (5 Frauen für 10 Sitze). [Zu Zürich siehe Endnote_1]
  • Nur 6 Unternehmen erfüllen beide Kriterien von Actares (“30% plus 3”): Adecco, Lonza, Nestlé, Swisscom, UBS, Zurich.
  • In keinem SMI-Verwaltungsrat sind die Frauen in der Mehrheit und es gibt mit SGS sogar ein Unternehmen ohne eine einzige Frau im Verwaltungsrat.

Dass sich die positiven Trends nicht in der Sitzverteilung niederschlagen, hat zwei Gründe: Zum einen werden in einem typischen Jahr nur etwa 10-15% der Verwaltungsratssitze neu besetzt. Zum anderen scheiden Frauen jeweils im gleichen Masse wieder aus den Verwaltungsräten aus wie Männer. Ein Trend zu mehr Frauen auf den Wahllisten führt also nicht zwangsläufig zu einem grösseren Frauenanteil. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache:

  • Um die Kriterien von Actares (“30% plus 3”) zu erfüllen, fehlen über alle Verwaltungsräte hinweg noch 13 Frauen. (Vorausgesetzt sie sind genau richtig über die einzelnen Verwaltungsräte verteilt.)
  • Soll eine Parität zwischen Männern und Frauen erreicht werden, fehlen über alle Verwaltungsräte hinweg sogar 55 Frauen.

Damit sich der Anteil von Frauen in den nächsten Jahren signifikant erhöht, müssten sie bei Neuwahlen nicht nur im gleichen Masse wie Männer berücksichtigt werden, sondern sie müssten bei den Wahlvorschlägen deutlich übervertreten sein. Welches Unternehmen traut sich?

Endnoten:

[1] Die Analyse berücksichtigt nur Wahlvorschläge durch das Unternehmen zum Zeitpunkt der Einladung, jedoch nicht die Gegenanträge aus dem Aktionariat, den Ausgang der Wahlen oder die aktuelle Sitzverteilung. Zu beachten gilt es:

  • Sika: Nach der Generalversammlung 2018 kam es zu einem Abkommen zwischen Sika und der Burkard-Familie/St Gobain, der dazu führte, dass ein Mann dem Verwaltungsrat beitrat und drei Männer ausschieden (der Frauenanteil stieg dadurch von 1/9 auf 1/7). Hier werden nur die Wahlvorschläge des Verwaltungsrats für die ordentliche Generalversammlung berücksichtigt, nicht hingegen diejenigen von Burkard/St Gobain.
  • Swisscom: Eines der Mitglieder des Verwaltungsrats wird nicht von der Generalversammlung gewählt, sondern vom Bund ernannt. Dieser Sitz wird hier mitgezählt.
  • Zurich: Eine Frau wurde ursprünglich zur Wahl vorgeschlagen, zog ihre Kandidatur später aber zurück. Der Rückzug wird hier nicht berücksichtigt.

[2] Siehe dazu zum Beispiel die Forschung von Alison M. Konrad (Ivey Business School, University of Western Ontario). Der durchschnittliche SMI-Verwaltungsrat hat 11 Mitglieder. Die Bandbreite reicht von 6 (Geberit, Swatch Group) bis 20 (Richemont). Diese Zahlen reflektieren die Wahlvorschläge zur Zeit der Einladung.