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Interview: Philipp Rohrer, Greenpeace Schweiz

Nahrungsmittelkonzerne und Detailhändler bringen massenhaft Einwegverpackungen aus Plastik in Umlauf. Umgekehrt spielen diese Unternehmen aufgrund ihrer Marktmacht auch beim Kampf gegen die Vermüllung der Welt eine wichtige Rolle. Der öffentliche Druck zwingt sie dazu, ihre Verantwortung anzuerkennen und nach neuen Wegen zu suchen. Dabei dürfen sie sich aber nicht auf Scheinlösungen konzentrieren. – Ein Gespräch mit Philipp Rohrer, bei Greenpeace Schweiz zuständig für die Kampagne gegen Einwegverpackungen.

Welche Ziele verfolgt Greenpeace mit der Vision «Zero Waste», und welche Rolle spielen dabei Grossunternehmen?
Greenpeace Schweiz setzt sich für eine Reduktion von Einwegverpackungen ein. Es geht nicht nur um Plastik; alternative Verpackungsmaterialien wie Papier, Karton oder sogenannter Bioplastik sind für die Umwelt ebenso problematisch. Wir müssen uns von der aktuell vorherrschenden Wegwerfkultur hin zu einer Zukunft bewegen, die auf Mehrweg, Offenverkauf und Wiederauffüllen setzt. Das braucht ein Umdenken sowohl von Detailhändlern in der Schweiz als auch von weltweit tätigen Schweizer Grosskonzernen wie Nestlé.

Wie transparent sind Detailhändler und Nahrungsmittelkonzerne hinsichtlich ihres Plastik-Fussabdrucks?
Detailhändler und Nahrungsmittelkonzerne reagieren auf den Druck von Konsumentinnen und Umweltschutzorganisationen und kündigen immer wieder Reduktionsziele für Plastik an. Diese Ziele sind aber meist schwierig einzuordnen, da der gesamte Plastikverbrauch nicht offengelegt wird. Wichtig sind für Greenpeace neben den Zahlen deshalb auch die Massnahmen, die zu einer Reduktion beitragen sollen. Denn eine nachhaltige Reduktion des Verpackungs-Fussabdrucks ist nur mit Investitionen in Liefer- und Verkaufssysteme möglich, die auf Mehrweg und Wiederauffüllen basieren.

Nestlé hat angekündigt, ein Institute of Packaging Sciences zu gründen und bis 2025 alle Verpackungen wiederverwendbar oder wiederverwertbar zu machen. Wie schätzen Sie diese Massnahme ein?
Es ist erfreulich, dass Nestlé die Art und Weise, wie sie ihre Produkte verpackt, zu überdenken beginnt. Die Massnahmen des Unternehmens zur Bewältigung der Plastikkrise sind aber unzureichend. Die Lösung ist nicht mehr Recycling, Recyclingfähigkeit oder ein anderes Einwegmaterial; es ist das Wegwerfmodell selbst, das uns diese Probleme eingebrockt hat.

Gibt es auf politischer Ebene Vorstösse zur Eindämmung der Plastikflut?
Der Kampf gegen die Plastikflut ist auch im Schweizer Parlament angekommen. In den letzten Monaten sind dort mehrere Vorstösse zum Thema eingereicht worden. Die Antworten zeigen: Der Bund setzt auf freiwillige Massnahmen der Wirtschaft. Ich habe meine Zweifel, ob dies reichen wird. Das Beispiel der Plastiksäcke in den Supermärkten, die seit zwei Jahren kostenpflichtig sind, hat gezeigt, dass die Unternehmen freiwillige Branchenvereinbarungen vor allem dann treffen, wenn gesetzliche Massnahmen drohen. Es gibt aber auch erfreuliche Entwicklungen. So sind in der Stadt Genf ab Anfang 2020 Einweggeschirr und andere Einwegprodukte aus Plastik für Gastro-Unternehmen und Veranstaltungen auf öffentlichem Grund verboten.

Wie können engagierte Anspruchsgruppen von Unternehmen den Wandel weg von unökologischen Verpackungen vorantreiben? Es ist wichtig, dass die Unternehmen von verschiedenen Seiten Druck und alternative Nachfrage zu spüren bekommen. Konsumentinnen und Konsumenten sollen die vorhandenen Mehrweglösungen – zum Beispiel Frischebeutel bei Gemüse und Früchten – unbedingt nutzen und weitere ähnliche Lösungen einfordern. Umweltorganisationen, Aktionärinnen und Aktionäre sollen Reduktionsstrategien fordern, die nicht auf Scheinlösungen wie alternative Materialien oder Recyclierbarkeit setzen, sondern mit innovativen Ansätzen einen grundlegenden Wandel anstreben.

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