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Interview: Claudia Würstle

An der Actares-Mitgliederversammlung vom 26. September 2019 in Zürich spricht Vergütungsspezialistin Claudia Würstle von der Beratungsfirma HCM über Umwelt- und Sozialkriterien als Teil von Vergütungsplänen. Veronika Hendry hat sich mit ihr unterhalten.

Ihre Firma HCM berät Firmen in Vergütungsfragen. Neu ist, dass Sie auch ESG-Kriterien (ESG = Environmental, Social and Governance) in die Vergütungspläne miteinbeziehen. Was war der Anlass dafür?
In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass die unterschiedlichsten internen und externen Interessengruppen von Unternehmen – Mitarbeitende, Kunden, Lieferantinnen, Stimmrechtsberater und Investorinnen – vermehrt ein nachhaltigeres Engagement sowohl in der Geschäftstätigkeit als auch in einem weiteren Kontext der Gesellschaft fordern. Dabei können Nachhaltigkeitsziele in den Vergütungssystemen ein wichtiger Katalysator für nachhaltigeres Wirtschaften sein. In diesem Zusammenhang beraten wir Unternehmen auch in einem breiteren Rahmen bezüglich Nachhaltigkeit, Ethik und Compliance.

Aufgrund Ihrer bisherigen Erfahrungen: Wie gross ist die Bereitschaft der Unternehmen, ESG-Kriterien in ihre Vergütungspläne aufzunehmen?
Tatsächlich hat sich in diesem Bereich bereits einiges getan: Immer mehr der grössten globalen Unternehmen veröffentlichen Nachhaltigkeitskriterien, die bei der Bestimmung der variablen Vergütung der Geschäftsleitungen zum Zug kommen. Aktuell sehen wird dies bei fast der Hälfte der grössten global aktiven Firmen, 2012 war das erst bei gut einem Drittel der Fall. Dabei variiert die Verbreitung von ESG-Kriterien stark je nach Branche, Land und Geschäftsmodell des Unternehmens.

Die hohen variablen Vergütungen des Managements stehen immer wieder in der Kritik. Wo hätten ESG-Kriterien die grössere Wirkung: bei der kurz- oder der langfristigen variablen Vergütung?
Grundsätzlich hängt die Anwendung von ESG-Kriterien in der Vergütung stark von der Unternehmensstrategie ab und kann sowohl in der kurzfristigen als auch in der langfristigen Vergütung zum Einsatz kommen. Obwohl Nachhaltigkeit häufig ein sehr langfristiges Thema ist – man denke nur an den Klimawandel –, beobachten wir im Markt eher eine Tendenz in Richtung ESG-Kriterien in der kurzfristigen Vergütung. Dies widerspiegelt aber gleichzeitig das Bedürfnis der Unternehmen, langfristige und häufig schwer greifbare Themen wie «Umwelt» und «Gesellschaft» in konkrete Jahresziele umzusetzen.

Nachhaltigkeit ist ein weiter Begriff. Wie lassen sich ESG-Kriterien überhaupt so messen, dass sie in Vergütungsplänen genutzt werden können?
Die Messung von ESG-Kriterien ist ein entscheidender Faktor für die erfolgreiche Umsetzung. Nachhaltigkeitsaspekte lassen sich allerdings nach wie vor schwerer messen als die finanzielle Leistung. Gleichzeitig hat sich in den letzten Jahren bei den qualitativen Indikatoren sehr viel getan. Häufig verzichten Verwaltungsräte auch auf die individuelle Leistungsmessung, sondern beurteilen eher die gesamthafte Nachhaltigkeitsperformance einer Abteilung oder eines Unternehmens. Damit liegt man ganz im Trend, Teamdenken und Zusammenarbeit zu fördern, statt individuelle Anreize zu setzen.