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Green Deal EU – Ein Jahr nach der Ankündigung

Res Witschi, ehemaliger Leiter Corporate Responsibility bei Swisscom, heute im gleichen Konzern als Delegierter für nachhaltige Digitalisierung tätig, über die Chancen, die sich der Schweiz im Zusammenhang mit dem europäischen Green Deal eröffnen. Eine Replik zum Interview finden Sie in der Rubrik Tipps des Monats.

Actares: Europa will der erste klimaneutrale Kontinent werden. Sind das grosse Worte, werden die bereits laufenden Massnahmen einfach in guter Marketingmanier neu verkauft?
Res Witschi: Die Gefahr besteht. Angesichts der gros-sen Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind: Dekarbonisierung, Erhaltung der Biodiversität und nachhaltigerer Umgang mit Ressourcen allgemein, braucht es starke Hebel, um die Situation deutlich zu verbessern. Man kann mit Anreizen und Verboten arbeiten. Der Green Deal scheint stärker auf Anreize zu setzen, was grundsätzlich zu begrüssen ist. Um einen nachhaltigeren Lebensstil zu erreichen, scheint es mir richtig, bei klimafreundlicheren und ressourcenschonenderen Produkten und Produktelebenszyklen anzusetzen. Darauf zielt der Green Deal der EU ab.

Was bedeutet dieser Massnahmenplan für das Nicht-EU-Land Schweiz? Welche Chancen eröffnen sich?
Die Schweiz ist ein innovationsstarkes Land. Unsere Hochschulen und Fachschulen, aber auch viele Start-ups und KMUs arbeiten an sogenannten Cleantech-Technologien. Durch die finanzielle Förderung dieser Technologien EU-weit können sich spannende Chancen für die Schweizer Wirtschaft und unsere Hochschulen ergeben.

Welche Technologien stehen in der Poleposition?
Ich denke an Innovationen wie etwa neuartige Wasseraufbereitungsanlagen, smarte Landwirtschaft, intelligente Stromnetze, neue Formen der Bioenergiegewinnung, an das hochspannende Cargo-sous-terrain-Projekt und anderes mehr. In diesen Innovationen steckt viel Schweizer Ingenieurs-Know-how, zumTeil wird die Entwicklung von der Schweiz sogar angeführt.

Welche Risiken stellen sich der Schweiz?
Als Nicht-EU-Land ist es möglich, dass wir bei der Verteilung der Gelder höhere Hürden überwinden müssen oder gar leer ausgehen. Ich kenne die bilateralen Verträge zwischen der EU und der Schweiz nicht in jedem Detail, hoffe aber, dass unseren Hochschulen, Fachhochschulen und Unternehmen diesbezüglich keine grossen Nachteile entstehen.

Und wenn doch, was wäre zu tun?
Dann erwarte ich, dass die Politik handelt. Ein EU-Beitritt ist illusorisch, aber es würde eine Lösung auf bilateralem Weg brauchen, nach dem Muster von Erasmus. Als die EU wegen der angenommenen Masseneinwanderungsinitiative die Schweizer Studierenden aus dem Erasmus-Programm kippte, schritt der Bund auch ein und fand mit der EU schliesslich eine gangbare Lösung, sodass es den jungen Menschen möglich blieb, auf einfachem Weg im Ausland zu studieren.

Werden die Anstrengungen bei den Regulierungen in der Schweiz Folgen haben? Zum Beispiel auf Umweltstandards, das Import-Export-Geschäft oder das neue CO2-Gesetz?
Ich denke, die Schweiz könnte unter Zugzwang kommen, auch im Inland wirtschaftliche Anreize für nachhaltige Technologien zu setzen. Ob das durch Regulierung gelöst werden muss, bezweifle ich. Ich könnte mir allenfalls vorstellen, dass es Auswirkungen hat bei der Rückverteilung der CO2-Abgaben an Bevölkerung und Wirtschaft.

Die EU strebt auch Partnerschaften an. Sehen Sie für Swisscom im internationalen Telekommunikationsbereich Chancen?
Swisscom ist neben ihrem Standardangebot in vielen Bereichen an der Entwicklung von innovativen Lösungen beteiligt. Ich denke dabei etwa an Technologien wie das Internet der Dinge oder Blockchain. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich in diesen Bereichen auch für uns Chancen ergeben könnten, bei der einen oder anderen Initiative mitzuspielen.

Die Digitalisierung spielt für Effizienzsteigerung und schonenderen Einsatz von Ressourcen eine wichtige Rolle. Was kann die Digitalisierung in diesem Programm bis 2050 leisten?
Die Digitalisierung ist nachweislich ein mächtiger Hebel für die Dekarbonisierung. Die Studie «SMARTer 2030» von der Global e-Sustainability Initiative zeigt eindrücklich das Potenzial. Wir haben dies im Jahr 2017 mit der Universität Zürich und dem WWF auch für die Schweiz untersucht: klimafreundliche digitale Lösungen, etwa für Mobilität und Logistik, effizientere Gebäude, Work Smart oder Smart Farming können einen wesentlichen Beitrag zu einem nachhaltigeren Lebensstil leisten.

Welche Branchen in der Schweiz werden besonders profitieren? Anders gefragt: In welche Unternehmen sollten Anlegerinnen und Anleger investieren?
Die sogenannten Cleantech-Unternehmen ziehen sich durch alle Branchen durch. Ob Bau und Gebäude, Mobilitäts- oder Energieanbieter, Landwirtschaft, Detailhandel, Tourismus: Fast alle Branchen sind betroffen. Das ist das Schöne daran: Die Dekarbonisierung schafft Chancen für einen grossen Teil der Wirtschaft. Die Schwerpunkte und Potenziale liegen besonders da, wo grosse Mengen an Energie oder Rohstoffen verbraucht werden.


Europas Green Deal
Europa will als erster Kontinent klimaneutral werden. Genau vor einem Jahr verkündete die EU-Kommission ihren Fahrplan für eine nachhaltige Wirtschaft. Bis 2050 sollen die umweltpolitischen Herausforderungen in die Wirtschaftsaktivitäten integriert sein, wobei der Übergang für alle gerecht gestaltet werden soll. Mindestens 100 Milliarden Euro sollen in den kommenden sieben Jahren von der öffentlichen Hand und der Privatwirtschaft für folgende Massnahmen mobilisiert werden:

  • Förderung einer effizienteren Ressourcennutzung durch den Übergang zu einer sauberen und kreislauforientierten Wirtschaft
  • Wiederherstellung der Biodiversität und zur Bekämpfung der Umweltverschmutzung
  • Investitionen in neue, umweltfreundliche Technologien
  • Unterstützung der Industrie bei Innovationen
  • Einführung umweltfreundlicherer, kostengünstigerer und gesünderer Formen des privaten und öffentlichen Verkehrs
  • Dekarbonisierung des Energiesektors
  • Erhöhung der Energieeffizienz von Gebäuden
  • Zusammenarbeit mit internationalen Partnern zur Verbesserung weltweiter Umweltnormen
    Quelle

Eine Stimme zum Green Deal aus der Klimabewegung: Marie-Claire Graf, Studentin, Klimaaktivistin, Mitgründerin Sustainability Week
«Es braucht in den nächsten zehn Jahren eine radikale und tiefgreifende Transformation in allen Lebensbereichen, um die existenzielle Klima- und Biodiversitätskrise aufzuhalten. Der Übergang zu einer kohlenstoffneutralen Gesellschaft ist ein entscheidender und unverzichtbarer wirtschaftlicher und politischer Prozess. Diesen Prozess anzustossen, das ist das Ziel des Green Deal der EU. Doch wenn wir genauer hinschauen, ist alles, was in diesem Rahmen bisher diskutiert und abgestimmt wurde, noch nicht mit dem Pariser Abkommen vereinbar. Ganz davon zu schweigen, dass selbst die Pariser Klimaziele schweres Leid und globale Vernichtung keineswegs verhindern. So müsste beispielsweise auch die Landwirtschaft, die für einen wesentlichen Teil der Klimaemissionen verantwortlich ist, dringend transformiert werden. Im Oktober hat sich die EU aber erneut für eine nicht klimafreundliche Landwirtschaft entschieden.»
«Auch muss immer die Frage nach der Gerechtigkeit getroffener Entscheidungen und Massnahmen gestellt werden, innerhalb der EU ebenso wie global. Wie gerecht wird der Green Deal sein? Unumgänglich ist, dass essenzielle, aber bisher marginalisierte Gruppen Zugang zu den Entscheidungsprozessen erhalten, der ihnen bisher strukturell verwehrt war. So müssen zum Beispiel Frauen und junge Menschen vermehrt in die Planung und Umsetzung eingebunden werden. Denn ein gerechter Übergang meint nicht bloss die Energietransition, sondern auch den Übergang zu einer demokratischen und integrativen Gesellschaft, in der alle ihre Rechte wahrnehmen können.»
«Es ist wie bei der Corona-Pandemie: Je schneller und drastischer durchgegriffen wird, desto weniger Leid und Kosten entstehen.»