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Votum von Actares an der Novartis-GV 2020

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren des Verwaltungsrats, sehr geehrte Anwesende

Mein Name ist Veronika Hendry. Ich bin Präsidentin von Actares, dem Aktionariat für nachhaltiges und sozialverträgliches Wirtschaften.

Actares erarbeitet seit 20 Jahren Abstimmungsempfehlungen für seine Mitglieder und vertritt deren Stimmrechte an den Jahresversammlungen wie z.B. auch hier bei Novartis.

Ich möchte mich heute zuerst an Sie, Herr Narasimhan, wenden. Sie sind zweifellos ein Sympathieträger für Novartis. Mit Ihrem Mix an Fachkompetenz, Kosmopolitismus und neuem Managementverständnis haben Sie neuen Wind in den Traditionskonzern Novartis gebracht. Das freut auch Actares.

Es gibt aber auch Entscheidungen von Novartis, die aus Sicht von Actares geklärt werden müssen.

Actares kritisierte bereits an der letztjährigen Generalversammlung die intransparente Preisgestaltung von Kymriah und die Folgen der exorbitanten Preise für Versicherungssysteme und Prämienzahlende. Ganz zu schweigen davon, dass solche gentechnische Verfahren für Menschen ausserhalb von reichen westlichen Industriestaaten wohl kaum je zugänglich sein werden.

Die Kontroversen um Preise und Behandlungszugang haben nun mit Zolgensma einen neuen Höhepunkt erreicht.

Unvorstellbare 2 Millionen Euro soll der verhinderte Tod eines an Muskelatrophie leidenden Säuglings kosten. Was aber, wenn weder Eltern noch Krankenversicherungen dies bezahlen können? Nimmt Novartis dann einfach seinen Tod in Kauf oder schiebt der Konzern dann die Schuld dafür auf die Zulassungsbehörden? Nicht ganz. Weil Novartis bisher nur in den USA eine Produktionszulassung erhalten hat, werden pro Monat 100 Gratisbehandlungen per Los verteilt. Babys, die leer ausgehen nehmen dann wieder an der nächsten Verlosung teil.

Bei aller Sprachlosigkeit über diesen Behandlungszugang möchte Actares dazu einige Fragen stellen:

  1. Wie kam der Entscheid von Novartis zustande, Babys in Ländern ohne Zulassung zu Zolgensma eine Behandlung per Losverfahren zu ermöglichen?

  2. Wie reagiert Novartis auf Vorwürfe, mit diesem Losverfahren Druck auf Regierungen auszuüben, um die Zulassungsverfahren für Zolgensma zu beschleunigen?

  3. Welche Garantie gibt Novartis, dass Zolgensma, dessen Zulassung in den USA lediglich auf zwei Studien mit total 36 Kindern beruht, auf Dauer wirkt?

Zolgensma ist wie einige andere neue Produkte nicht das Ergebnis eigener Forschung von Novartis, sondern Teil der aktuellen Akquisitionsstrategie.

In der kurzen Zeit seit Herrn Narasimhan Amtsantritt erfolgten Zukäufe für rund 28 Milliarden US Dolllars, darunter eine Firma, die 9.7 Milliarden US Dollars kostete aber nur über ein einziges Medikament verfügt. Das hat Einfluss auf den Geschäftsgang von Novartis, aber vor allem auch auf die Geldbeutel von Patientinnen und Patienten.

Dazu folgende Fragen:

  1. Stimmt der Eindruck, dass nur dank dieser Zukäufe die Ertragslage kompensiert werden kann, trotz drohender oder realer Patentabläufe von Blockbustern?

  2. Stimmt die Befürchtung, dass die Kosten für die teuren Zukäufe durch Umlagerung auf höhere Medikamentenpreise kompensiert werden und sich damit einmal mehr die Preisspirale für die Versicherungsprämien aufwärts dreht?

  3. Pharmakonzerne wie Novartis leben von Innovation durch Forschungskompetenz. Welche Strategie strebt Novartis künftig an: Wachsen durch Zukäufe oder Investition in die eigene Forschungskompetenz?

Zum Schluss noch etwas aus aktuellem Anlass. Sandoz hat am Mittwoch mitgeteilt, dass die gegenwärtigen Preise für Generika trotz möglicher Engpässe aufgrund der Coronaviruskrise nicht erhöht werden. Das ist lobenswert, aber für die Verknappung und Verteuerung von Medikamenten gibt es offenbar mehrere Ursachen.

Laut Bericht des Schweizer Fernsehens kommen heute rund 80% der Grundstoffe aus China. Aufgrund der dortigen Auswirkungen der Coronavirusepidemie wachsen die Befürchtungen, dass es nicht nur bei Medikamenten, sondern auch bei den Grundstoffen zu Liefer- und Produktionsengpässen kommt.

Dazu folgende Fragen:

  1. Wie hoch ist aktuell der Prozentsatz von Grundstoffen und Medikamenten, die Novartis und Sandoz aus China beziehen?

  2. Bereits seit einiger Zeit bestehen Lieferengpässe für Sandoz- und Novartis-Medikamente. Könnten sich diese in den kommenden Monaten aufgrund der Verknappung oder des Ausfalls von Grundstoff- oder Produktelieferungen aus China erhöhen?

  3. Verfügt Novartis über ein «Worst Case -Szenario», falls die Grundstoff- oder Produktelieferungen aus China massiv zurückgehen oder gar ganz zusammenbrechen?

Danke, Herr Dr. Reinhard für die Beantwortung unserer Fragen und Ihnen allen Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(Votantin: Veronika Hendry, Präsidentin)