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Editorial: Frauen sind keine gewöhnlichen Männer

Am 25. Oktober 2012 lehnt das Europäische Parlament aus Protest gegen die fehlende Vertretung von Frauen im Vorstand der Europäischen Zentralbank den Luxemburger Yves Mersch als Vorstandskandidaten ab. Am 15. November erlässt die Europäische Kommission die Zielvorgabe, die Verwaltungsräte aller börsenkotierten Unternehmen bis 2020 mit 40 Prozent Frauen zu besetzen. Die Frage der Gleichstellung von Mann und Frau in der Wirtschaft ist heute aktueller denn je.

Ein emotionales Thema

Die vermehrten Anreiz- und Zwangsmassnahmen verärgern jene Personen, die der Meinung sind, die Chancengleichheit sei bereits umgesetzt. Ihre Argumente sind bekannt: Frauen nehmen ihre beruflichen Möglichkeiten nur ungenügend wahr und verzichten im geeigneten Moment auf eine Bewerbung. Deshalb gebe es nicht genügend Frauen, welche die Qualifikationen für eine Spitzenposition mitbringen. Frauen, die es wollen, haben heute sehr gute Karrierechancen, was vor einer Generation noch undenkbar war. Selbst im Verwaltungsrat der UBS sitzen heute schon drei Frauen, das sind immerhin 25 Prozent.

Ein erklärbares Phänomen

Zugegeben: In der Schweiz kann eine Frau heute fast genauso gut Karriere machen wie ein Mann. Aber eine Frau ist nun einmal kein Mann. Ohne hier näher in die Debatte um gesellschaftliche Prägung oder biologische Bestimmung einsteigen zu wollen: Die Lebensphasen von Frauen und Männern sind verschieden. Ihre Anatomie und – trotz aller Fortschritte – Gesellschaft und Staat, setzen beide Geschlechter unterschiedlichen Erfahrungen aus. Dies zu verneinen, führt nicht aus der gegenwärtigen Sackgasse heraus. Die Berufswelt, insbesondere die Unternehmen, müssen Laufbahnplanung, Vergütungsmodelle und Arbeitsbedingungen so gestalten, dass sie den unterschiedlichen Anforderungen gerecht werden können. Gelingt dies nicht, werden Fähigkeiten der halben Menschheit verschleudert.

Die Frauen haben eine weite Strecke in Richtung Gleichheit zurückgelegt. Nun ist es Zeit, dass die Männer an der Macht ihnen die Hand reichen.

Medienmitteilung der Europäischen Kommission