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Votum von Actares an der Novartis-GV

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren Verwaltungsräte, sehr geehrte Anwesende

Mein Name ist Veronika Hendry und ich vertrete Actares, das Aktionariat für eine nachhaltige und sozialverträgli-che Wirtschaft. Zu unseren Kernaufgaben gehört u.a. das Erstellen von Abstimmungsempfehlungen für unsere Mitglieder, deren Stimmrechte wir auf Wunsch an den Generalversammlungen wahrnehmen, auch hier und heute.

Wie immer hat Actares das laufende Geschäftsjahr von Novartis wohlwollend kritisch begleitet. Vor einem Jahr haben wir an dieser Stelle auf den dramatischen Appell der WHO-Direktorin hingewiesen, dass gewisse Medikamentenpreise nicht nur für Entwicklungs- und Schwellenländer, sondern auch für Industrieländer zunehmend unerschwinglich seien. Sowohl Herr Reinhard als auch Herr Jimenez schienen damals unsere Sorge zu teilen und stellten Lösungen in Aussicht. Tatsächlich präsentierte Novartis im letzten November das Projekt “Enabling better access to medicine through inclusive business solutions”. In Zusammenarbeit mit Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen sollen in vorläufig drei Entwicklungsländern eine Anzahl von Medikamenten für USD 1 pro Behandlungsmonat abgegeben werden. Wieso ich das hier so ausführlich erwähne? Offenbar findet dieses Projekt nicht bei allen Investoren uneingeschränkte Unterstützung. Ich kann Ihnen aber versichern, dass die Aktionäre, die Actares hier vertritt, hinter diesem Projekt stehen und sich bei Novartis dafür bedanken.

Ein anderes Thema hingegen bereitet Actares Sorgen. Es geht um die seit 2010 immer wieder in den Schlagzei-len auftauchenden Verstösse wegen Kickbacks und ähn-lichem unlauterem Verhalten in den USA. Bittet man um mehr Angaben zu den Affären, lauten die Erklärungen von Novartis einigermassen stereotyp. Beispiele:

  • Die Vorwürfe datierten schon längere Zeit zurück.
  • Oder: Novartis sei nicht einverstanden mit der gerichtlichen Beurteilung, was die Vorwürfe der Zusammenarbeit mit den Spezialitätenapotheken in den USA anbelange. Man hätte immer nur das Wohl der Patienten im Auge gehabt.
  • Oder: Neue unternehmensinterne Integritätsverpflichtungen seien gleichzeitig mit dem Vergleichsverfahren in den USA eingeführt worden.
  • Und schliesslich das unwiderlegbare Argument, dass es bei einem Unternehmen von der Grösse von Novartis immer Fehlverhalten geben werde.

Demgegenüber stellt Actares fest:

  • Das Publikwerden der Affären in den USA datiert zwischen 2010 und 2015. Auch in der heutigen schnelllebigen Zeit sind das nicht sehr weit zurückliegende Daten.
  • Für Aussenstehende ist nur schwer verständlich, wenn ein internationales Unternehmen von der Grösse von Novartis sich nicht juristisch über alle möglichen Konsequenzen klar ist, wenn Absprachen wie die mit den Spezialitätenapotheken vorgenommen werden.
  • Und schliesslich bleibt die Frage, warum es immer nur Novartis und kaum ein Konkurrenzunternehmen ist, das wegen unlauterem Verhalten in die Schlagzeilen gerät?

Auf der gesamten Unternehmensebene bemüht sich Novartis, dass alle Mitarbeitenden den klar formulierten Code of Conduct folgen. Einem Artikel der Neuen Zürcher Zeitung vom 18. Februar ist zu entnehmen, dass Novartis ein Heer von Compliance-Beauftragten beschäftige, die für die Einhaltung des Code of Conduct sorgen. Mit dem Aufbau sei schon vor zehn Jahren begonnen worden. Aber erst seit 2010 ist der Leiter auch direkt Herrn Jimenez unterstellt. Nicht zuletzt wolle sich Novartis so auch teure Rechtsfälle ersparen. In der Folge seien im letzten Jahr 343 Personen gekündigt worden oder hätten das Unternehmen selber verlassen. Ob darunter auch die Verantwortlichen sind für die rund USD 800 Millionen Bussen in den USA, nicht mitgerechnet die entsprechenden Zahlungen für Anwälte und Gerichte?

Fazit: Wir erwarten, dass Novartis seinen Code of Conduct auch auf hoher Managementebene mit allen Mitteln durchsetzt. Affären wie in den USA oder die etwas anders gelagerte in Japan dürfen sich schlicht und einfach nicht wiederholen. Dass Affären dieses Ausmasses durch das unvorhersehbaren Fehlverhalten eines einzelnen Mitarbeiters entstanden sind, behauptet ja auch Novartis nicht. Als Aktionäre fragt man sich jedoch, ob die Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen wurden oder ob sie weiterhin die gleichen Saläre und Boni beziehen.

Dafür, dass unter diese Affären aber endlich ein endgültiger Strich gezogen werden kann, wäre noch etwas anderes nötig als die Zahlung von Millionenbussen und das Einhalten von behördlichen Abmachungen. Statt sich immer nur als Opfer von richterlicher Willkür zu verteidigen, sollte oder müsste Novartis zu den gemachten Fehlern stehen und sich dafür entschuldigen wie das auch in Japan geschehen ist. Nur so kann die Angelegenheit endlich ad acta gelegt und dank den getroffenen Compliance-Massnahmen Vertrauen und Glaubwürdigkeit wieder in den Vordergrund gestellt werden. Die dabei freiwerdenden Ressourcen könnten dann voll und ganz für die Kernaufgabe eingesetzt werden, nämlich das Unternehmen in nicht einfachen Zeiten in eine prosperierende Zukunft zu lenken. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Votantin: Veronika Hendry, Vorstandsmitglied von Actares)